1.48.2.1 - Kassel, Entwurf zur Wilhelmsbrücke und zu Neubauten an beiden Ufern, Aufriß



1.48.2.1 - Kassel, Entwurf zur Wilhelmsbrücke und zu Neubauten an beiden Ufern, Aufriß


Inventar Nr.: GS 5885
Bezeichnung: Kassel, Entwurf zur Wilhelmsbrücke und zu Neubauten an beiden Ufern, Aufriß
Künstler: Heinrich Christoph Jussow (1754 - 1825), Architekt
Datierung: 1788
Geogr. Bezug: Kassel
Technik: Graphit, Feder in Grau, grau laviert, hellocker und rot aquarelliert
Träger: Papier
Wasserzeichen: keine Angabe
Maße: 30,2 x 138 cm (Blattmaß)
Maßstab: bezifferter Maßstab mit Maßeinheit "pieds"
Beschriftungen: unten rechts: "Jussow del." (Feder in Braun)


Katalogtext:
Die zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstandene alte Brücke über die Fulda war Ende des 18. Jahrhunderts so baufällig geworden, daß die Häuser, die auf ihren Pfeilern standen, 1775 beseitigt werden mußten. 1792 stürzte das Bauwerk, das dem Staat gehörte, teilweise ein (Brunner 1913, S. 306f.; Holtmeyer 1923, S. 773f.).
Bereits 1787 hatte sich Landgraf Wilhelm IX. für die Errichtung einer neuen Brücke entschieden, deren Bau Teil eines ambitionierten städtebaulichen Projekts werden sollte (die Entscheidung für einen Neubau fiel am 1. August 1787; vgl. hierzu und zur Planungsgeschichte der Brücke die bisher unbeachtet gebliebenen Archivalien StAM Best. 17e, Kassel Nr. 713). Die wichtigste Entscheidung war, das neue Brückenbauwerk weiter flußabwärts zu verlegen, um die problematische steile und enge Wegführung von der alten Brücke zum Altmarkt vermeiden zu können. Die neue Verbindung sollte vom Marktplatz geradlinig zum Holzmarkt in der Unterneustadt und weiter zu dem ovalen Leipziger Platz führen, an dem das Stadttor lag.
Die neue Brücke wurde 1788 bis 1794 nach einem Entwurf des Baumeisters Engelhard ausgeführt, nachdem auch der Schleusenbaumeister Wilhelm Carl Hisner in den Planungsprozeß einbezogen worden war. Die Oberaufsicht lag bei dem Oberbaudirektor Simon Louis Du Ry.
Als Aufgabe Jussows wurde bestimmt, Pläne vorzulegen, "wie die Häußer in der Gegend, wo die neue Brücke hingelegt werden soll, zu decoriren seyn möchten" (31. März 1788; StAM Best. 17e, Kassel Nr. 713, fol. 365). Die von Jussow 1788 angefertigten Entwürfe, ein Situationsplan und ein Aufriß der Brücke mit der vorgeschlagenen anschließenden Bebauung, haben sich offensichtlich in der Murhardschen Bibliothek erhalten (Universitätsbibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, HP 29,1 - Situationsplan - und HA 2 - Aufriß; die in StAM Best. 17e, Kassel Nr. 713, fol. 365 genannten Bezeichnungen "C" und "D" finden sich auf den Zeichnungen Jussows wieder, die beide signiert und in das Jahr 1788 datiert sind). Die Darstellungen GS 5885 in der Graphischen Sammlung der Staatlichen Museen Kasssel sowie ein Blatt im Hessischen Staatsarchiv Marburg (StAM P II 8860) wiederholen den Aufriß ohne Veränderungen.
Jussow stellt die dreibogige Brücke mit einer Balustrade als seitliche Begrenzung dar. In der Mitte des Geländers ist eine Kombination von drei wuchtigen Keilsteinen mit einem Segmentgiebel und einer Steintafel plaziert. Ausgeführt wurde jedoch eine Brüstung mit durchbrochenem Flechtband und eingefügten Inschriftentafeln (Holtmeyer 1923, Taf. 475; die Inschriften in deutscher und lateinischer Sprache betonten die Verbindung von Nutzen und Verschönerung der Stadt; vgl. auch Dittscheid 1983/2, S. 56f.).
Auf beiden Seiten der Brücke sind kleine halbkreisförmige Platzbildungen vorgesehen, die mit markanten Architekturen besetzt werden sollten. Die Rundung der zweigeschossigen Fassaden wird von höheren turmartigen Bauteilen gefaßt. Ein dritter schließt sich auf der Altstädter Seite nach einem dreiachsigen Zwischenbau an. Zum Altmarkt hin folgt ein größeres dreigeschossiges Gebäude mit Arkaden im Erdgeschoß. Wie alle in der Zeichnung erscheinenden Fassaden ist auch diese im Erdgeschoß rustiziert und darüber glatt. Bei allen Bauten werden im unteren oder ersten Stockwerk als Bauzier lediglich kräftige Sohlbänke auf würfelförmigen Konsolen verwendet. Kranzgesimse mit Zahnschnitt oder Konsolen schließen die Fassaden ab und leiten zu den flachgeneigten Dächern über. Diese reduzierte und mit Kontrasten arbeitende Formensprache ist deutlich von der Revolutionsarchitektur geprägt.
In der Unterneustadt bestimmt das Projekt für einen neuen Kirchenbau die Darstellung. Das frei auf einem Platz mit gleichförmiger dreigeschossiger Bebauung stehende Gebäude verbindet eine dorische Tempelfront mit zwei Turmaufsätzen. Die Fassade gilt als einer der ersten Entwürfe von Jussow mit einer dorischen Ordnung (Manuskript Schuchard/Dittscheid).
Auf dem Situationsplan in der Murhardschen Bibliothek ist der rechteckige Kirchenbau auf der oberen von zwei Klappen zu sehen. Eine andere Variante beläßt die hier befindliche mittelalterliche Magdalenenkirche an ihrem Ort und umgibt sie mit einem achteckigen Platz (Holtmeyer 1923, Taf. 20,1).
Die alte Kirche wurde 1795 aus Verkehrsrücksichten abgebrochen. Der Ersatzbau, der von Jussow geplant wurde, entstand 1802-1808 auf dem Leipziger Platz.

Text übernommen aus Katalog Kassel 1999/CD-Rom [GF]


Literatur:
Katalog Kassel 1958, S. 32, Nr. 84 (mit Abb.); Dittscheid 1983/2, S. 56 (mit Abb.); Katalog Kassel 1999/CD-Rom


Letzte Aktualisierung: 07.10.2016


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