3.130.3.15 - Wilhelmsthal, Schloß, Garten, perspektivische Ansicht der Grotte



3.130.3.15 - Wilhelmsthal, Schloß, Garten, perspektivische Ansicht der Grotte


Inventar Nr.: GS 7017
Bezeichnung: Wilhelmsthal, Schloß, Garten, perspektivische Ansicht der Grotte
Künstler: Johann Georg Fünck (1721 - 1757), Architekt
Datierung: um 1749
Geogr. Bezug: Wilhelmsthal
Technik: Graphit, Feder in Grau und Schwarz, grau laviert
Träger: Papier
Wasserzeichen: "IV"
Maße: 35,9 x 52,2 cm (Blattmaß)
Maßstab: -
Beschriftungen:


Katalogtext:
Nach einem Besuch des hessischen Prinzen bei dem preußischen König Friedrich konnte der preußische Hofbaumeister Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff für die Konzeption der Grotte gewonnen werden, deren Verwirklichung in den Jahren 1744 bis gegen 1750 erfolgte. Das Kopieren der Pläne, die im Nachlaßinventar Wilhelms VIII. 1760 als "Plans de la Grotte d'Amelienthal fait par Knobelsdorff de Berlin" verzeichnet sind (StAM Best. 4a, 80, 15, Litt. Ll./A: Bd.; s. Schmidt-Möbus 1999, S. 131), oblag einem Schüler und Mitarbeiter, dem ab 1746 auch mit der Bauleitung beauftragten Johann Georg Fünck. Von ihm stammt diese perspektivische Ansicht der Grotte, die um 1749 entstand und als Vorlage für einen von Wolfgang Christoph Mayr ausgeführten Kupferstich diente. Die Auffassung einer Urheberschaft Cuvilliés (s. Wolf 1967, S. 61) wird von der jüngeren Forschung nicht mehr vertreten, da die frühesten Belege für seine konkrete Einflußnahme aus dem Jahr 1745 stammen (Schmidt-Möbus 1995, S. 91 mit Verweis auf die Archivalie StAM Best. 4a, 80, 15, Litt. LL).
Mit Blick nach Südosten präsentiert sich die Grotte mit ihren Wasserspielen, die zum einen von der Mitte eines vorgelagerten Bassins aus durch Wasserspeier in Gestalt Schwäne reitender Putten und zum anderen vom Beckenrand eines Wasserkanals aus durch kleine Wasserdüsen betrieben wird. Die Grotte ist mit seitlich anschließenden Futtermauern vor ein ansteigendes Gelände gesetzt, dessen Niveauunterschied durch Rampen und Treppen ausgeglichen wird. Die Grotte selbst hat eine durch rundbogige Fenstertüren und gerahmte Mauerfelder dreiachsig gegliederte Fassade, die mit einem Konsolgesims und einer Balustrade nach oben abschließt. In Verlängerung der senkrechten Rahmenteile befindet sich ein schmales Feld mit einer Doppelkonsolenanordnung und im Bereich der Balustrade Postamente mit Figurenstellungen.
Die nur wenig plastisch gegliederte Grottenfassade mit ihrer zurückhaltenden Profilierung und dem als Gegengewicht konzipierten kräftigen Kranzgesims ist Schmidt-Möbus zufolge der stilistischen Manier Knobelsdorffs zuzuordnen. Auch das Auftreten von rhythmisch gegliederten Balustraden "mit überreichem Figurenschmuck" bringt sie mit seinem Formenrepertoire in Zusammenhang. Die Volutenbekrönung der Nischen beurteilt sie dagegen als antiquiert und vermutet hierin eine spätere Zutat Füncks (Schmidt-Möbus 1999, S. 131). Eine derartige Einschätzung dieser zum allgemeinen Formenkanon der Zeit gehörenden Gestaltungselemente trägt die Künstler-Zuschreibung jedoch kaum. Motivische Vergleiche könnten im Hinblick auf die geschwungene Rampen- bzw. Treppenanlage zu der Knobbelsdorff-Zeichnung einer Treppen- und Brunnenanlage (Potsdam, SPSG, Plankammer, Aquarell-Slg. 1853 c/26) gezogen werden. Als bekrönendes Element findet sich hier im übrigen auch der "Volutengiebel", der herausragend positioniert auf den Postamenten der Balustrade aufgestellt ist (Katalog Berlin 1999, Kat.Nr. VI 13).
Den Übergang zwischen der durch Rundbogenöffnungen gegliederten Grotte und der durch Mauervorsprünge rhythmisierten Futtermauer verbergen zwei Rundbogennischen mit Volutengiebelbekrönung und hierauf lagernden Sphingen. Diese sowie die weiteren dargestellten Figuren an den Aufgängen zum umliegenden Gelände und auf den seitlichen Balustradenabschnitten finden sich nicht auf dem späteren Stich. Auffallend ist, daß die Grotte nicht wie üblich einer mythologischen Person (z. B. Neptun oder Pluto) zugeordnet wurde. Die Figuren deuten vielmehr auf eine abstrakte Thematik, die die Jahreszeiten und die Elemente personifiziert. Im Jahr 1746 begannen Verhandlungen mit dem Bildhauer Asmus Frauen in Amsterdam und mit dem Bildhauer und Fontänenmacher Willem Rottermondt im Haag über den figürlichen Schmuck der Anlage. Ab 1747 lieferte der Amsterdamer Bildhauer Jacob Cressant Figuren zur Grotte, deren letzte auf den Postamenten der Plattform im Jahr 1753 aufgestellt wurden. Ergänzend kamen nach 1755 einige von Johann August Nahl geschaffene hinzu. Für die innere Ausstattung der Grotte konnte der bekannte Grottier Pierre de la Potterie, der schon die Kapelle zu Falkenlust unter François de Cuvilliés' Anleitung und den Grottenraum von Schloß Poppelsdorf ausgestattet hatte, von dem Kölner Kurfürsten Clemens August "ausgeliehen" werden (Schmidt-Möbus 1995, S. 84f.).
Als Abgrenzung zum angrenzenden Gartengelände wirkt die aus schmiedeeisernen Balustern und Postamenten mit Figuren bestehende Balustrade, die zudem das auf der Grotte als Aussichtspunkt angelegte Terrassendach verbirgt. Kleine Waldahornbäume, die auf der linken Blattseite in einen Laubengang eingebunden sind, prägen in geregelter Anordnung mit ihren spitz zulaufenden Baumkronen den umliegenden Bereich. In der horizontalen Hell-Dunkel-Felderung bilden sie ein charakteristisches Beispiel für die Zeichenmanier Johann Georg Füncks, die sich besonders an der detailreichen, nicht sehr präzisen Stiftführung ablesen läßt (s. Schmidt-Möbus 1995, S. 212).
Stand: September 2004 [MH]


Literatur:
Hallo 1930/2, S. 73, Taf. 6, Abb. 21; Bleibaum 1932, S. 27, 28 m. Abb. 11, 30; Both/Vogel 1964, S. 31, Abb. 8; Wolf 1967, S. 61; Kramm/Müller 1972, S. 18 m. Abb.; Schmidt-Möbus 1995, S. 90, Kat.Nr. 6, Abb. 28, Schmidt-Möbus 1999, S. 130, Kat.Nr. VI. 20

Siehe auch:


  1. SM-GS 6.2.753, [fol. 48]: Prospect der Grotte im Landgräfl: Hessen=Casselsch: Garten zu Wilhelmsthal.


Letzte Aktualisierung: 15.11.2019


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