1.22.1.1 - Kassel, Städtisches Tuchhaus und Hauptwache am Gouvernementsplatz, Bauaufnahme, Grund- und Aufriß



1.22.1.1 - Kassel, Städtisches Tuchhaus und Hauptwache am Gouvernementsplatz, Bauaufnahme, Grund- und Aufriß


Inventar Nr.: Marb. Dep. 142
Bezeichnung: Kassel, Städtisches Tuchhaus und Hauptwache am Gouvernementsplatz, Bauaufnahme, Grund- und Aufriß
Künstler: Johann Jacob Rudolph (1788 - 1844), Zeichner
Datierung: um 1830
Geogr. Bezug: Kassel
Technik: Graphit, Feder in Schwarz, schwarz, grau, rosa und beige laviert
Träger: Papier
Wasserzeichen: "J WHATMAN / TURKEY MILL / 1827"
Maße: 68,5 x 48,3 cm (Blattmaß)
60,9 x 40,8 cm (Darstellungsmaß)
Maßstab: bezifferter Maßstab ohne Maßeinheit
Beschriftungen: oben mittig: "Grund und Aufriß / des staedtischen Tuchhauses und der Hauptwache am Gouvernementsplatz." (Feder in Schwarz)
oben rechts: "No 12. / II." (Graphit)
unten rechts: "J: Rudolph." (Feder in Grau)


Katalogtext:
Am Gouvernementsplatz, dem früheren Ledermarkt in der Kasseler Altstadt bei der Martinskirche, befanden sich neben dem Wohnsitz des jeweiligen Gouverneurs das städtische Tuchhaus (Holtmeyer 1923, S. 585-590) und die Hauptwache (Holtmeyer 1923, S. 502f.). David August von Apell berichtete 1805 diesbezüglich: "Das Tuchhaus oder ehedem sogenannte Kaufhaus [...] wurde im Jahre 1421 auf Kosten der Stadt erbauet, wie die zur Seite des darunter gelegenen obersten Stadtkellers an der Mauer stehende Jahreszahl zeigt. An den jährlichen Märkten war vordem den Tuchhändlern erlaubt, in diesem Haus ihre Waaren zum Verkauf auslegen zu dürfen, daher es noch seinen Namen hat. Unter dem Gebäude selbst ist der oberste Stadtkeller, worin, so wie im untersten, eine Wirtschaft befindlich, welche von der Stadt gegen einen gewissen Zins verpachtet wird" (Apell 1805, S. 148). Zur Hauptwache notierte er: "Diese wurde im Jahr 1766 erbaut und dahin verlegt" (Apell 1805, S. 146).
Im Mai 1833 informierte der Kasseler Stadtbaumeister Johann Jacob Rudolph Oberbaumeister Engelhard (StAM Best. 190a Kassel, Nr. 707) über die Baufälligkeit der direkt neben der Kirche gelegenen Gebäude und befürwortete deren Abbruch. Nachdem auch Hofbaumeister Bromeis zu Rate gezogen worden war, wurde im Oktober die Hauptwache geräumt und der gesamte Komplex abgebrochen. Da der Entwurf Julius Eugen Ruhls für eine neue Hauptwache auf dem Friedrichsplatz (vgl. L GS 13651,13, L GS 13651,14, L GS 13651,15) nicht verwirklicht werden konnte, zog die Wache in eines der beiden Wachthäuser des Friedrichstors.
Die Zeichnung Rudolphs, die in Aufriß und Grundriß sorgfältig das Aussehen der Gebäude dokumentiert, entstand vermutlich im Zusammenhang mit dem Abbruchvorhaben. Das charakteristische Zwerchhaus mit dem geschweiften Renaissancegiebel, der von einer Figur bekrönt wird, hat auf der rechten Seite ein Pendant in dem schlichten Fachwerkstirngiebel mit Krüppelwalmdach, der zu einem späteren Anbau aus dem 16. Jahrhundert gehört. Das eingeschossige, siebenachsige Wachgebäude auf der linken Seite wird geprägt durch den zentralen Dreiecksgiebel, der mit einem von Trophäen gerahmten Wappen geschmückt ist. Auffällig ist das fünffach gebogene Vordach, das in der Zeichnung durch den Schattenwurf hervorgehoben ist und den diensttuenden Soldaten einen gewissen Wetterschutz bieten sollte.
Im Grundriß wird deutlich, daß dem ursprünglich querrechteckigen Gebäude später mehrfach Anbauten angefügt wurden, die nicht ohne weiteres mit dem Hauptbau verbunden werden konnten. Zunächst entstand noch im 16. Jahrhundert der rechteckige Anbau an der Südostecke, der den Eingang zum "Obersten Keller" enthält (Holtmeyer 1923, S. 589). Später wurde an der Ecke zum Hauptbau noch ein kleiner Fachwerkbau eingefügt. Den Anbau der Hauptwache veranlaßte 1766 Landgraf Friedrich II. Sie diente nicht nur als Wache, sondern auch als Gefängnis für Militärpersonen (vgl. Holtmeyer 1923, S. 502f.). Ein direkter Zugang zum Tuchhaus ermöglichte die Nutzung von Räumen in der linken Hälfte des Erdgeschosses, die vermutlich zu diesem Zweck vom großen Saal abgetrennt wurden. Dieser war durch das große spitzbogige Tor an der Vorderseite zu betreten und befahren. Ein weiterer Eingang befindet sich auf tieferem Niveau auf der rechten Schmalseite und führt direkt zu den Kellerräumen und zum Treppenhaus.
Der Abbruch der Gebäudegruppe direkt neben der Martinskirche fand den Beifall Lobes, der 1837 schreibt, der Gouvernementsplatz habe "unendlich viel" gewonnen, da die Kirche "nun einen völlig freien Mittelpunkt des Platzes" bildet (Lobe 1837, S. 99, zit. nach Holtmeyer 1823, S. 589f.).
Stand: August 2007 [UH]


Literatur:
Holtmeyer 1923, Taf. 350


Letzte Aktualisierung: 08.09.2017


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