1.29.9.15 - Kassel, Ständehaus, Entwurf zum Zimmer des Kurprinzen und Mitregenten, perspektivische Ansicht



1.29.9.15 - Kassel, Ständehaus, Entwurf zum Zimmer des Kurprinzen und Mitregenten, perspektivische Ansicht


Inventar Nr.: Marb. Dep. 158
Bezeichnung: Kassel, Ständehaus, Entwurf zum Zimmer des Kurprinzen und Mitregenten, perspektivische Ansicht
Künstler: Ludwig Sigismund Ruhl (1794 - 1887), Zeichner
Datierung: 1833-1836
Geogr. Bezug: Kassel-Ständehaus
Technik: Feder in Schwarz, golden, grau, blaugrau, rotbraun, hellbraun und violett laviert
Träger: Papier
Wasserzeichen: -
Maße: 24 x 26,2 cm (Blattmaß)
Maßstab: -
Beschriftungen: unten mittig auf altem Träger: "Innere Ansicht des Zimmers / Seiner Hoheit des Kurprinzen und Mitregenten / im neuen Ständehause." (Feder in Schwarz, Goldfarbe)


Katalogtext:
Im Ständehaus war zunächst kein eigener Raum für den Landesfürsten vorgesehen. Dazu kam es offensichtlich erst durch das persönliche Eingreifen des Kurprinzen und Mitregenten Friedrich Wilhelm im Verlauf der Ausführungsplanungen, wie das im Archiv des Landeswohlfahrtsverbands Hessen verwahrte Blatt mit den Grundrissen des Gebäudes sehr anschaulich macht. Dort änderte der Regent die vorhandene Bezeichnung des westlichen Erdgeschoßraums mit dem T-förmigen Grundriß "Zimmer für bes. Berathungen" eigenhändig in "Zimmer für Mich" um. Dieses Zimmer, dem noch ein Durchgang zum Saal und ein Kabinett zugeordnet wurden, unterschied sich auch in seiner Gestaltung von allen anderen Räumlichkeiten des Gebäudes. Waren diese durchgängig in Renaissanceformen gehalten, so entwarf Ruhl hier, sicherlich auf Anordnung des Kurprinzen, eine neogotische Ausstattung.
Das aufwendig gearbeitete und sorgfältig farbig gefaßte Blatt mit der perspektivischen Darstellung des Raumes ist auf ein größeres braunes Papier montiert. Auf diesem sind in Gold eine Rahmung sowie die Bezeichnung "Innere Ansicht des Zimmers Seiner Hoheit des Kurprinzen und Mitregenten im neuen Ständehause" eingetragen. Das Blatt diente sehr wahrscheinlich zur Vorlage beim Kurprinzen.
Dargestellt ist knapp die Hälfte des Zimmers mit Blickrichtung nach Südosten zur Straße, so daß ein anschauliches Bild vom Gesamteindruck des Raumes vermittelt wird. Die Wandgestaltung entspricht in ihrem Aufbau dem traditionellen Schema mit der Abfolge von niedrigem Lambris, großem Wandfeld, horizontalem Streifen und unter der Voute durchlaufendem plastischen Fries. Eine dominante Wirkung entwickelt der Dekor der Wandfelder aus seitlich gerafften Stoffbahnen durch seine rot-violette Farbe. Der Fries ist in Form von gotischen Turmbaldachinen und Wimpergen ausgeführt und hebt sich durch seine weiß-goldene Fassung von dem rötlich-braunen Hintergrund ab. In besonderer Weise treten die gotisierenden Gestaltungselemente bei der Rahmung der Ofennische durch einen großen, mit Maßwerk gefüllten Wimperg mit Fialen hervor. Auch der Ofen ist entsprechend aufgebaut. Eine Skulptur unter einem Baldachin vor der abgefasten Raumkante trägt ergänzend zur 'gotischen' Raumwirkung bei. Die vorgesehene Teilvergoldung der architektonischen Ausstattung steigert deren Wirkung.
Die Decke zeigt eine in blaugrauer Tönung gehaltene Felderung, was nicht mit dem Entwurf L GS 13680 korrespondiert, der Blatt- und Maßwerk in intensiver Farbigkeit aufweist.
Wie aus der Wiedergabe des Raumes im Stichwerk hervorgeht, wurde der Raum mit einigen Änderungen entsprechend der vorliegenden Darstellung ausgeführt. So wurden die Wanddraperien offensichtlich durch Tapeten oder Bemalung ersetzt, die Streifen unter und über dem Fries ornamental bemalt, die Zahl der Skulpturen verdoppelt und ein Ofen in konventioneller Form verwendet (Ruhl 1839, Blatt 7). Die nunmehr vier Figuren wurden von Ludwig Sigismund Ruhl, dem Bruder des Architekten, ausgeführt (Lobe 1837, S. 67; Ganßauge 1950/1, S. 308; Riedl 1993, S. 134). In einem Brief Wilhelm Grimms vom 16.11.1836 an Ludwig Sigismund Ruhl (Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, Handschriftenabteilung, Ms. hist. litt. 4° 30; frdl. Hinweis von Bernhard Lauer, Kassel; abgedruckt in: Allgemeine Zeitung 1892, Beilage Nr. 215, S. 6; Riedl 1993, S. 134, Anm. 370) ist die Rede von vier weiblichen Allegorien, welche Tafeln mit den "Namen ausgezeichneter Regenten" halten sollten. Grimm schlug Ruhl vor, anstelle von biblischen Herrschern auf Vorfahren des Kurprinzen zurückzugreifen und die Landgrafen Ludwig den Frommen, Philipp den Großmütigen und Wilhelm den Weisen sowie, als Stammvater des hessischen Hauses, Karl den Großen auszuwählen.
Unter dem Blatt auf dem braunen Trägerpapier ist als Ergänzung der perspektivischen Darstellung der Grundriß des Raumes dargestellt.
Stand: August 2007 [GF]


Literatur:
Lobe 1837, S. 67; Ganßauge 1950/1, S. 308; Lohr 1984, S. 114; Riedl 1993, S. 134; Katalog Kassel 2003, S. 196, Abb. 172


Letzte Aktualisierung: 08.09.2017


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