3.130.3.10 - Wilhelmsthal, Schloß, Garten, Entwurf zum Mittelpavillon des Chinesischen Entenhauses, Teilgrundriß und Querschnitt



3.130.3.10 - Wilhelmsthal, Schloß, Garten, Entwurf zum Mittelpavillon des Chinesischen Entenhauses, Teilgrundriß und Querschnitt


Inventar Nr.: Marb. Dep. 2
Bezeichnung: Wilhelmsthal, Schloß, Garten, Entwurf zum Mittelpavillon des Chinesischen Entenhauses, Teilgrundriß und Querschnitt
Künstler: Johann Georg Fünck (1721 - 1757), Architekt
Datierung: 1746/47
Geogr. Bezug: Wilhelmsthal
Technik: Graphit, Feder in Schwarz und Braun, grau, lachsfarben, gelb und grün laviert
Träger: Papier
Wasserzeichen: -
Maße: 62,3 x 48,4 cm (Blattmaß)
Maßstab: bezifferter Mabstab ohne Maßeinheit
Beschriftungen: oben rechts: "B. 5" (Graphit)
verso: "Eigentum des Hess. Bezirksverbandes / Plan von Baurat Ihnken, Kassel / eingetauscht gegen 1 Exemplar: Inventar Kassel-Stadt / März 1932" (Feder in Blau)
verso: "1613 (c,15)" (Feder in Türkis)


Katalogtext:
Neben einem Blatt mit Grund- und Aufriß eines der Chinesischen Entenhäuser aus dem Marburger Depositum (Marb. Dep. 4) liegt mit diesem Blatt eine Zeichnung vor, die den Innenraum des Mittelpavillons zum Gegenstand hat. Aufriß und Grundriß veranschaulichen ein Wandstück mit Durchgang, der vom Mittelpavillon in den linken Verbinderflügel führt. An den durch Mauervorlagen leicht verengten Durchgang schließen sich auf beiden Seiten die abgerundeten Pavillonecken an, wobei eine Fensternische an der linken Seite die Vorderfront, der fensterlose Wandteil die Rückseite kennzeichnet.
In bühnenartiger Inszenierung rahmen zwei Palmbäume, deren üppig gestaltete Kronen bis über die Deckenvoute hinausgreifen, den Durchgang. Der linke Palmbaum mit den federartigen und der rechte mit den blattartigen Wedeln sind Teil unterschiedlicher Gestaltungsvorschläge, die an den beiden Wandseiten veranschaulicht werden. Dabei zitiert das Palmmotiv ein gestalterisches Element der Fassade. Die von J. F. Reissmann angefertigte Bauaufnahme zeigt eben jenes Motiv als Rahmung der Eingänge (StAM 300 P II 342/13; Schmidt-Möbus 1995, S. 112), das in dieser Form wiederum mit den vergoldeten Palmbäumen am Teepavillon in Sanssouci zu vergleichen ist.
Zur Fensterseite hin schließt an den Mauervorsprung des Durchgangs ein konvex gerundetes Wandfeld mit einer vegetabilen Rahmung an, die an einen hochaufgeschossenen Blütenstengel mit symmetrisch angeordneten Trieben erinnert. Ein Trophäengehänge, das durch ein kopfüber hängendes Schlangenwesen zusammen mit einem geschlängelten Bandornament auf eine Basisrocaille hinführt, gestaltet die Mitte des Wandfeldes. Im oberen Teil kniet auf einer profilierten Gesimsplatte ein Chinese, der in der Funktion eines Atlanten das Gesims der Voute über seinem Kopf abstemmt. In weitaus reicherer Ausstattung als auf der linken Seite entwickelte Fünck auf der gegenüberliegenden Seite unterhalb der auch hier zu findenden Chinesenfigur einen mächtigen S-Bogen, vom dem aus verschiedene plastisch modellierte Pflanzenstauden ausgehen. Den Fensterbogen überspannt eine große Rocaille, auf der ein Vogel mit ausgebreiteten Flügeln sitzt. Dieses Motiv tritt auch bei dem Plafondentwurf auf, wodurch eine gestalterische Verklammerung zwischen Wand- und Deckenfläche erreicht wird (Schmidt-Möbus 1995, S. 210). Auf der rechten Wandseite schließt an den schmalen vorgewölbten Teil ein Pilaster an, dessen Kapitell einfallsreich aus zwei verschlungenen Drachen gebildet wird. Ein feines vegetabiles Lineament, das sich aus C-Schwüngen, Überschneidungen und Gabelungen zusammensetzt, rahmt das anstoßende Wandfeld. In der Rahmung wie im Binnenfeld sind Konsolen eingefügt, auf denen Chinesen turnend und sitzend dargestellt sind. In der Feldmitte ist ähnlich dem seitlichen Fensterwerk ein Bandelwerkornament ausgeführt, von dem kleine Glöckchen herabhängen.
Unabhängig von den gestalterischen Alternativen fällt eine gewisse Unsicherheit bei der Verwendung der Ornamentik auf, die das ältere Bandelwerk mit den modernen Rocailleformen kombiniert. Spricht die sichere, aufwendige Ausführung der Details für den kundigen Zeichner, so deutet die Motivauswahl und deren stilistische Ausprägung nicht unbedingt auf einen begabten Dekorateur hin. Eine sowohl zeichnerische wie gestalterische Autorschaft Füncks kann somit in Betracht gezogen werden. Obwohl der stilistischen Einschätzung von F. Schmidt-Möbus nicht gefolgt werden kann, die in der linken Variante Cuvilliéssches Formengut und in der rechten die Nahlsche Schule zu erkennen vermag, kann ihre abschließende Zuschreibung an Fünck unterstrichen werden (Schmidt-Möbus 1995, S. 211-215). Angesichts der stilistischen Übereinstimmung dieses Innenraumentwurfs mit dem Fassadenentwurf für das Chinesische Entenhaus hinsichtlich Zeichenduktus und Farbgestaltung kommt kein anderer Zeichner in Frage.
Der hier präsentierte, mit Chinoiserien reich dekorierte Innenraum folgt den Gestaltungsvorgaben der Fassade. Als Anregung für die szenische Darstellung im Wandfeld der rechten Seite können Stichfolgen von Engelbrecht oder Baeck gedient haben. Das Motiv des lagernden Affen ist dagegen auf Stichentwürfe von Peyrottes (franz. Chinoiserie-Spezialist) zurückzuführen, in dessen "Nouveau Cartouches [...]" auf Blatt 3 ein Affe - zwar seitenverkehrt, aber in der gleichen Haltung - auf einem Bogenstück lagert wie in der Fünck-Zeichnung (Katalog Berlin 1973, S. 312).
Hinsichtlich der Datierung des Blattes sind zwei Nachrichten hilfreich, die sich auf die Innenraumdekoration beziehen. Eine Schriftquelle verzeichnet 1747 die Anweisung, daß die Fußböden mit Marmorplatten belegt und die Fenster mit Spiegelglas versehen werden sollen. Für die Palmbäume war eine Ausführung in Stuck vorgesehen (Bleibaum 1932, S. 21). Ein Jahr später wird für das erste Entenhaus angeordnet, "die Palmen Bäume von denen mittelsten Pavillons anzulegen" (Schmidt-Möbus 1995, S. 210). Ein Vorentwurf zu einem Kontrakt mit dem Marmorierer und Stukkateur Johann Michael Brühl am 23.8.1749 belegt, daß von dem Zeitpunkt an mit der eigentlichen Auszierung begonnen werden sollte und die Arbeiten im März des folgenden Jahres beendet sein sollten. Die innen und außen anzubringenden Zierate seien nach den vorgeschriebenen Zeichnungen herzustellen (StAM Best. 40, 10, 5; zit. nach Schmidt-Möbus 1995, S. 106).
Stand: September 2004 [MH]


Literatur:
Bleibaum 1932, S. 21f. m. Abb. 7, S. 23f.; Katalog Berlin 1973, S. 91, Kat.Nr. P 48a; Schmidt-Möbus 1995, S. 111, Kat.Nr. 46, Abb. 153


Letzte Aktualisierung: 08.09.2017


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