3.130.2.15 - Wilhelmsthal (?), Schloß, Entwurf für einen Plafond, Untersicht



3.130.2.15 - Wilhelmsthal (?), Schloß, Entwurf für einen Plafond, Untersicht


Inventar Nr.: Marb. Dep. 36
Bezeichnung: Wilhelmsthal (?), Schloß, Entwurf für einen Plafond, Untersicht
Künstler: Johann Georg Fünck (1721 - 1757), Architekt
Datierung: um 1753
Geogr. Bezug: Wilhelmsthal (?)
Technik: Feder in Grau, grau und blau laviert
Träger: Papier
Wasserzeichen: Krone über Wappenschild mit Lilie, unten anhängend Anker und "WR" in Ligatur, darunter "C & I HONIG"
Maße: 32,8 x 46 cm (Blattmaß)
Maßstab: bezifferter Maßstab mit Maßeinheit "pieds."
Beschriftungen: oben links: "Nro: 24." (Feder in Braun)
in der Darstellung: Maßangaben (Graphit)
unten rechts: "La Dorure 225 R- / moderé par [?] 194" (Graphit)
verso: "1624 (a,11)" (Feder in Türkis)
verso: "Studienblatt wahrsch Altes Landgrafenschoß betr. / Altes Landgrafenschloß, / Jugendarbeit du Ry? frühes Rokoko"


Katalogtext:
Der Plafondentwurf präsentiert eine querrechteckige Decke mit Kehlzone, die durch gradlinige Profilleisten eingefaßt wird. Das zentrale Motiv des Deckenrands bildet zusammen mit der Mittelrosette den Schwerpunkt der dekorativen Gestaltung.
Für das zentrale Motive wird der obere Leistenverlauf unterbrochen und die Zwischenzone durch symmetrisch angeordnete Rocaillen aufgefüllt. Dabei rahmen an den Längsseiten geriefelte amorphe Gebilde C-Spangen mit Muschelrändern. An den Querseiten biegt sich eine von C-und S-Schwüngen gebildete Ausbuchtung deckeneinwärts. Eine Krone bildet hier den oberen Abschluß und verweist auf den landgräflichen Bauherrn. An drei Seiten wird in diesem Profilabschnitt zusätzlich eine Rocaille von der unteren Leiste aus gebildet. Eckmotive aus C-Spangen bleiben in dem von den Profilleisten abgeschlossenen Kehlbereich und treten gestalterisch damit deutlich hinter die Mittelmotive zurück. C-Schwünge gliedern die Kehle streng rhythmisch und stellen eine Verklammerung zwischen unterer und oberer Profilleiste her.
Den Deckenfond beherrscht eine zentrale Mittelrosette, von der ausgehend zwei aufeinander ausgerichtete C-Schwünge in Negativform ein Vierblattmotiv entstehen lassen. Die C-Schwünge sind Teil eines Bandelornaments, das im unteren Teil vier Rauten mit genoppter Treillagefüllung zeigt. Im oberen Teil wird ein sich überschneidendes Rauten- und Schleifenmotiv gebildet, das durch einen C-Schwung mit einer geriefelten Muschelform verbunden ist. Nach Aussage einer zeitgleichen, in Graphit ausgeführten Beschriftung am rechten unteren Rand war einer Vergoldung ("Dorure") von Teilen der Stuckierung geplant.
In der Gestalt einer zentralen Rosette mit vierteiligem rahmenden Motiv, das sowohl eine Positiv- wie eine Negativform ausbildet, läßt sich ein Vorbild in dem Stichwerk von François de Cuvilliés finden. Der Deckenentwurf aus der Reihe 9 des ersten Stichwerks, das etwa 1740 entstanden ist, zeigt eine ähnliche Mittelrosette. Motivisch scheint sich damit eine Verbindung zu dem Architekten des Wilhelmsthaler Schlosses und des für ihn arbeitenden Zeichners Lespilliez zu ergeben. Stilistisch spricht dagegen, wie bereits F. Schmidt-Möbus feststellte, "der feine Strich, die zartblaue Kolorierung, die Art der an manchen Stellen nur angedeuteten Ornamentik" (Schmidt-Möbus 1995, S. 215) für Johann Georg Fünck als Zeichner. Schmidt-Möbus glaubt zudem in der Beschriftung des Maßes in "pieds" seine Handschrift erkennen zu können. Eine Identifizierung aufgrund eines einzigen Wortes vorzunehmen, zumal als graphologisch charakteristischer Buchstabe nur das "p" gelten kann, erscheint jedoch reichlich gewagt. Auch die Ligatur "ds" ist kein sicherer Hinweis auf diese Zuschreibung, da diese auch von anderen Zeichnern verwandt wurde. Zudem ist die Ligatur nicht durchgängig von Fünck benutzt worden. So weist zwar die Darstellung der Wilhelmshöher Wasserkünste (Marb. Dep. 1) diese Buchstabenfolge auf, der Gartenplan zeigt dagegen eine andere "pieds"-Ausschreibung. Wie Schmidt-Möbus zugeben muß, fehlt zudem ein endgültiger Beleg, Fünck als eigenständigen Entwerfer und Schöpfer von Innendekorationen und Ornamenten zu sehen (Schmidt-Möbus 1995, S. 215). Die von ihr für Fünck in Anspruch genommenen Plafondentwürfe (Marb. Dep. 3 u. Marb. Dep. 36) können nicht als innovative Leistung betrachtet werden, sondern bleiben durch das Festhalten an einer strengen Felderteilung einem traditionellen Stil verhaftet. Sie sind abhängig von Ornamenten, mit denen Künstler wie Knobelsdorff, Nahl und Cuvilliés hervortraten. Letztendlich kann der Einschätzung von Schmidt-Möbus jedoch zugestimmt werden, da der Zeichenstil eher für Fünck als für Lespilliez spricht. So ist der Fünck sicher zuzuschreibende Deckenentwurf für das Entenhaus (Marb. Dep. 3) stilistisch vergleichbar. In beiden Zeichnungen findet sich die charakteristische Feingliedrigkeit und vorsichtige Federführung. Schmale Schattenbereiche werden in beiden Fällen durch sparsames Lavieren in Grau bewirkt. Bei der sich innerhalb des Bandelwerks bildenden Rautenform ist zudem auch eine motivische Übereinstimmung vorhanden.
Die konkrete Zuordnung in die Wilhelmsthaler Räumlichkeiten ist, obwohl sich der Entwurf stilistisch einpassen würde, bisher nicht zweifelsfrei gelungen. Möglicherweise handelt es sich, wie Schmidt-Möbus mutmaßte (Schmidt-Möbus 1995, S. 215), um eine verworfene Variante. Am wahrscheinlichsten erscheint hier die Decke des Haupttreppenhauses. Der auf der Rückseite vorhandene Hinweis "Studienblatt wahrsch Altes Landgrafenschoß betr. / Altes Landgrafenschloß, / Jugendarbeit du Ry? frühes Rokoko", der laut Jutta Schuchard von Anneliese Klappenbach stammt, ist zumindest im Fall der Künstlerzuschreibung nicht richtig, und im Fall der Gebäudezuordnung fehlt ein weiterführender Hinweis.
Stand: September 2004 [MH]


Literatur:
Schmidt-Möbus 1995, S. 214f., Kat.Nr. 50, Abb. 155


Letzte Aktualisierung: 08.09.2017


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23. August 2017, 17:44 Uhr:
Zuordnung der Zeichnung Marb. Dep. 36
Sehr geehrte Frau Lukatis,
sehr geehrte Damen und Herren,

gegen eine Zuordnung zum Wilhelmsthaler Schloss spricht die Raumgröße, die sich aus dem Maßstab ergibt. Insgesamt erhält man Seitenlängen von 37'6'' und 27'; je nach verwendetem Fußmaß (Kasseler Fuß zu ca. 28,8 cm; Rheinischer Fuß zu ca. 31,3 cm) ergibt dies Raummaße von 10,8 x 7,8 m bzw. 11,7 x 8,5 m - solchen Raumgrößen können aber weder dem Schloss in Wilhelmsthal noch m. E. dem Kasseler Landgrafenschloss zugeordnet werden, und auch im Kasseler Palais des Landgrafen Wilhelm (bzw. dem Erweiterungsentwurf Cuvilliés') gab es keinen Raum in genau diesem Format.

Mit freundlichen Grüßen
Christian Presche

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