1.67.2.1 - Kassel, Martinskirche, Schmuckblatt, Bauaufnahme und Entwurf, perspektivische Ansicht



1.67.2.1 - Kassel, Martinskirche, Schmuckblatt, Bauaufnahme und Entwurf, perspektivische Ansicht


Inventar Nr.: L GS 21702
Bezeichnung: Kassel, Martinskirche, Schmuckblatt, Bauaufnahme und Entwurf, perspektivische Ansicht
Künstler: Hugo Schneider (1841 - 1925), Architekt
Datierung: um 1883-1886
Geogr. Bezug: Kassel
Technik: Feder in Schwarz, schwarz laviert, 2 Photographien, weiß, grau und braun retuschiert
Träger: Papier
Wasserzeichen: -
Maße: 29,7 x 41,4 cm (Blattmaß)
21,9 x 30,1 cm (Darstellungsmaß)
Maßstab: -
Beschriftungen: unten: "KIRCHE IM JETZIGEN ZUSTAND"; "ST. MARTIN."; "PROJECT ZUM AUFBAU DER THÜRME." (Feder in Schwarz)
unten rechts: "H. Schneider" (Feder in Schwarz)
in der Darstellung: "LANDGRAF PHILIPP DER GROSSMÜTHIGE" (Feder in Schwarz)
verso: "Zugang / Kupferstich" (Graphit)


Katalogtext:
Das Schmuckblatt stellt in ansprechender, durchaus lokalpatriotischer Form den zeitgenössischen Zustand der Martinskirche der Planung Schneiders gegenüber. Die Funktion des für den Planungsprozeß wie für eine Präsentation der Planungen vor dem Bauherrn gleichermaßen unerheblichen Blattes dürfte vor allem darin zu suchen sein, daß interessierte Kasseler Bürger für das Projekt gewonnen werden sollten. Möglicherweise war eine Vervielfältigung des Blattes in einem zeitgenössischen Druckmedium intendiert.
Schneider nutzte bei der Erstellung des Schmuckblatts die Technik der Federzeichnung, der Kollage und der Retusche, denn er integrierte zwei Photographien in seine Komposition. Links findet sich eine Photographie der Martinskirche, wie sie sich noch zum Zeitpunkt der Erstellung des Blattes dem Betrachter darbot. Im wesentlichen ist in dieser Aufnahme von Südwesten der in der Renaissance erreichte Ausbauzustand festgehalten: Der Südturm besitzt noch seinen achteckigen Turmaufsatz von 1564/65, der Nordturm ist über die unteren Turmgeschosse nicht hinausgekommen und endet auf Höhe des Westgiebels des Kirchenschiffs. Um die bauliche Gestalt der Kirche deutlicher herauszuheben, hat Schneider insbesondere den Bereich des Himmels weiß übermalt.
Dieser Photographie ist auf der rechten Seite die Aufnahme einer gezeichneten perspektivischen Ansicht der neuen Turmfront gegenübergestellt, die ebenfalls von Südwesten, doch in etwas spitzerem Winkel und mit nur in seinen westlichen Jochen erfaßtem Schiff dargestellt ist; die Platzrandbebauung vor der Westfassade wurde dafür aber ebenfalls aufgenommen. Schneider zeigt hier beide Türme in der beabsichtigten neogotischen Gestalt unter Abriß des Turmaufsatzes der Renaissance. Auch dieses Photo ist überarbeitet, und zwar in stärkerem Maße als die Aufnahme des damals bestehenden Zustands. Der Himmel ist mit einer dichten weißen Wolkendecke übermalt, Teile der Architektur sind grau und braun retuschiert. Auffällig ist die gegenüber anderen Aufrissen des Turmes abweichende Gliederung des neogotischen Turmaufsatzes: Die Schalluken des Glockengeschosses sind deutlich schmaler als später ausgeführt und werden von Blendmaßwerken begleitet; die Darstellung dürfte daher der ersten Entwurfsserie Schneiders zuzuordnen sein, die die Genehmigungsbehörden in Berlin aber noch im Planungsstadium verwarfen (vgl. L GS 14659).
Die Photographien sind in einen gezeichneten Hintergrund eingebracht. Dieser wird von kräftigen, oben und an den Seiten in regelmäßigen Abständen mit stilisierten Lilien verzierten Rahmen begrenzt und zeigt ein symmetrisch angelegtes, in den Details jedoch naturnahes Rankenwerk von Rosenzweigen vor schwarzem Grund, das insbesondere über und zwischen den beiden Photographien ausgebildet ist, sie aber auch seitlich einfaßt.
In der Mittelachse ist in der oberen Blatthälfte eine Mandorla ausgespart, die in ihren oberen Teilen die Inschrift "Landgraf Philipp der Grossmüthige" umläuft. Vor einer gestreckten Renaissance-Nische ist in der Mandorla das Standbild des Landgrafen dargestellt, das Elias Godefroy 1567/68 für das Grabmal Philipps des Großmütigen (gest. 1567) und seiner Gemahlin Christine von Sachsen (gest. 1549) in der Martinskirche schuf. Das 12 m hohe, reich gegliederte Grabdenkmal, das Godefroys Schüler Adam Liquir Beaumont nach dem Tode des Meisters bis 1572 vollendete, stand bis zum Zweiten Weltkrieg noch im Chorhaupt der Kirche, wurde danach aber an die Nordseite des Schiffes versetzt.
Am unteren Rand, ebenfalls in der Mittelachse, bildet das Rankenwerk einen Spitzbogen mit kleineren Blüten und Blättern aus, der wie eine Rosenlaube eine Darstellung des hl. Martin überfängt. Dargestellt wird der Heilige zu Pferde, wie er seinen Mantel für einen Bettler teilt, der vor ihm mit gefalteten Händen kniet.
Den unteren Rand bildet eine Schriftzeile, in der die beiden Photographien und die Heiligendarstellung näher bezeichnet sind. Diagonal gestellte Wappen des Königreichs Preußen begrenzen diese Schriftzeile links und rechts, die Wappen der Stadt Kassel und der Provinz bzw. Landgrafschaft Hessen unterbrechen sie.
Stand: September 2007 [LK]


Literatur:
unpubliziert


Letzte Aktualisierung: 08.09.2017


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