1.2.4.3 - Kassel, Landgrafenschloß und Rennbahn, Entwurf, Panorama von Süden und Lageplan



1.2.4.3 - Kassel, Landgrafenschloß und Rennbahn, Entwurf, Panorama von Süden und Lageplan


Inventar Nr.: AZ 985, lfd. Nr. 1081
Bezeichnung: Kassel, Landgrafenschloß und Rennbahn, Entwurf, Panorama von Süden und Lageplan
Künstler: Georg Ludwig Friedrich Laves (1788 - 1864), Zeichner, fraglich
Datierung: 1810/11
Geogr. Bezug: Kassel
Technik: Graphit, Feder in Schwarz, braun, grün, blau, ocker laviert
Träger: Papier
Wasserzeichen: "J RUSE / 1804"
Maße: 49,3 x 78,5 cm (Blattmaß)
Maßstab: bezifferter Maßstab mit Maßeinheit "pieds"
Beschriftungen:


Katalogtext:
Die großformatige, farbig lavierte Zeichnung kombiniert in einzigartiger Weise einen Situationsplan von Schloß und Rennbahn in Kassel mit einer durch einen "trompe l'oeil"-Rahmen gefaßten Panoramaansicht der gleichen Situation von der Voraue her.
Die aufwendige, als marmornes Relief gestaltete Einfassung der Ansicht wird von einem umlaufenden Kymation sowie an beiden Seiten von einem Akanthus-Palmetten-Motiv im antiken Stil geprägt. Die Ansicht erfaßt das Panorama vom Ufer der kleinen Fulda her, beginnend beim Auetor und endend an der Südwestseite des Landgrafenschlosses. Wiedergegeben ist weitgehend die Situation vor dem Brand des Schlosses im November 1811. Deutlich erkennbar sind neben dem Auetor die aus den zeitgenössischen Ansichten bekannten Bauten der Elisabethkirche mit dem von Jussow 1810 errichteten Turm, des Ottoneums, der Kolonnnaden von Du Ry sowie der Arkaden an der Rennbahn, die als "boutiquen" genutzt wurden. Hinter dem weiten Vorhof schließt das Schloß an, dessen Fassade allerdings nicht die bekannte Form mit den Renaissancegiebeln aufweist, sondern im klassischen Stil mit regelmäßigen Rechteckfenstern, gliedernden Gesimsen und einer abschließenden Attika gestaltet ist. In dieser Art stimmt die Gliederung allerdings mit dem Entwurf von Heinrich Christoph Jussow (GS 6307) überein, der die Südwestfassade mit Mezzaningeschoß und Attikabalustrade zeigt. Hierbei handelt es sich vermutlich um einen Umbauentwurf, der in Zusammenhang mit Umgestaltungsplänen König Jérômes stand. Ein Abriß der Giebel an der Westseite, das Anbringen einer Balustrade sowie ein neuer Anstrich sind tatsächlich belegt (Holtmeyer 1923, S. 294).
Der große Situationsplan ergänzt die Panoramaansicht um weitere interessante Gesichtspunkte. Der Grundriß des Schlosses gibt die alte Gestalt vor dem Brand wieder, einzig ergänzt um den in Jussows Entwurf GS 6307 eingezeichneten Eckturm sowie den zentralen Vorbau der Loggia. Weitere Umgestaltungen betreffen die Kolonnaden, die jetzt in der Mitte geöffnet sind und auf einen freien, durch Bäume gerahmten Platz führen, der die Bewegungsrichtung zum Friedrichsplatz und Auetor umlenkt. Ähnliche Ideen zur direkten Verbindung des Schlosses mit dem Friedrichsplatz zeigen auch andere Pläne aus der Umgebung des Hofarchitekten Grandjean de Montigny, die eine Neugestaltung der Rennbahn nach Abriß der Kolonnaden zum Thema haben (vgl. Heppe 1995, S. 286ff., Abb. 147-150). Zahlreiche Bleistifteinzeichnungen im vorliegenden Blatt verraten, daß die Umgestaltung der Rennbahn auch hier im Zentrum des Interesses stand. Einbezogen in die Planung wurde auch die Wegeführung am Aueabhang, die auf einen breiten Weg vom Schloßvorhof bis zur Brücke über die kleine Fulda reduziert ist. Neu ist der kleine Gondelhafen an der Einmündung der kleinen Fulda direkt unterhalb des Schlosses, der sich seinerzeit am gegenüberliegenden Ufer der Fulda unweit der Unterneustadt befand. Dieser Verlegungsplan trägt dem Umstand Rechung, daß der königliche Hof gerne und häufig zu unterhaltsamen Schiffahrten in die Umgebung aufbrach, wie immer wieder berichtet wird.
Die in diesem Blatt erkennbar werdenden Umgestaltungspläne, die vor allem das Schloß und die Rennbahn betreffen, dürften um 1810/11 im Umkreis Heinrich Christophs Jussows entstanden sein. Die außerordentliche Qualität der Zeichnung und die an akademische Übungsaufgaben erinnernde Konzeption (Raster) legen den Schluß nahe, daß es sich um eine Arbeit von Georg Ludwig Friedrich Laves handelt, der 1804 bis 1807 an der Kasseler Akademie studierte und seit 1809 in Kassel als Baueleve tätig war. Seine Studienarbeiten, vor allem der Entwurf für ein Invalidenhaus (Sta. Hannover LN 3046; vgl. Katalog Hannover 1988, Kat.Nr. 16.37), zeigen übereinstimmende Gestaltungsmerkmale. Vor allem die sorgfältige und abwechslungsreiche Gestaltung der Landschaftselemente spricht für eine Autorschaft des begabten jungen Architekten, der später in Hannover Karriere machte. Möglicherweise geht die Zeichnung auf eine Anregung seines Lehrers und Onkels Jussow zurück, der ebenso wie die anderen Architekten des westphälischen Hofes an den Planungen zu einer Umgestaltung des Landgrafenschlosses und seiner Umgebung beteiligt war. Der Brand des alten Gebäudes 1811 ließ aber alle weiteren Überlegungen obsolet erscheinen. Erst 1813 mit der Rückkehr des Kurfürsten wurde der Weg frei für eine gänzlich neue Gestaltung, die im monumentalen Bau der Chattenburg Ausdruck fand.
Stand: August 2007 [UH]


Literatur:
Heppe 1995, S. 285f., Abb. 146


Letzte Aktualisierung: 08.09.2017


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