2.3.23.19 - Kassel-Wilhelmshöhe, Schloß, Corps de Logis, Beletage, südliches Schlafzimmer (Raum 60), Dekorationsentwurf, Ansicht und Schnitt



2.3.23.19 - Kassel-Wilhelmshöhe, Schloß, Corps de Logis, Beletage, südliches Schlafzimmer (Raum 60), Dekorationsentwurf, Ansicht und Schnitt


Inventar Nr.: SM-GS 1.3.878
Bezeichnung: Kassel-Wilhelmshöhe, Schloß, Corps de Logis, Beletage, südliches Schlafzimmer (Raum 60), Dekorationsentwurf, Ansicht und Schnitt
Künstler: Johann Conrad Bromeis (1788 - 1855), Architekt, Entwurf
Leonhard Müller (1799 - 1878), Zeichner, Ausführung
Datierung: 1822
Geogr. Bezug: Kassel-Wilhelmshöhe
Technik: Graphit, Feder in Braun, braun, gold und blau laviert
Träger: Papier
Wasserzeichen: "J WHATMAN TURKEY MILL"
Maße: 24,5 x 40 cm (Darstellungsmaß)
28 x 43 cm (Blattmaß)
Maßstab: -
Beschriftungen: unten mittig: "Project zur Decoration des Schlafzimmers in der Belétage des Corps de Logis / zu Wilhelmshöhe." (Graphit)
unten rechts: "Müller. 9/3.22." (Feder in Schwarz)
verso: "7156" (Graphit)
verso: "7255" (Graphit)
verso: "235" (Graphit)
verso: "GKI 42197" (Graphit)


Katalogtext:
Die vorliegende Zeichnung zeigt dem Titel zufolge einen Dekorationsentwurf für das Schlafzimmer in der Beletage von Schloß Wilhelmshöhe.
Heinrich Christoph Jussow hatte in der Beletage wie im Erdgeschoß des Schlosses eine symmetrische Aufteilung der Räume vorgesehen, wobei sich seitlich des großen Festsaals zwei entsprechende Appartements anschlossen (s. GS 5739). In den beiden Apsiden waren die halbrunden Schlafräume mit Alkoven vorgesehen, deren Wände durch korinthische Pilaster gegliedert werden sollten ("Die Pilaster in dem Schlafzimmer / sind corinthischer Ordnung […]" (s. GS 5739). Der Zugang in die Räume erfolgte durch seitlich des Alkovens angelegte Zweiflügeltüren, die stadtseitig in ein Kabinett und parkseitig in eine Garderobe führten.
Der vorliegende Dekorationsentwurf, in dem sich diese grundlegenden Elemente der Raumgliederung noch wiederfinden lassen, zeigt eine aufwendige Inszenierung, wobei Rahmenarchitektur und aufwendige Details als deutliche Zeichen höfischer Prachtentfaltung ausgeführt sind. Bromeis entwarf ein Bett in der modernen Kastenform des "lit bateau", das längs zur Wand stehend von einem Betthimmel bekrönt wird. Gleich gestaltete Kopf- und Fußteile enden in einer S-förmigen Schweifung. Die Füllbretter der Seitenwände sind mit Füllhörnern und Ranken verziert, die als vergoldete Bronzeapplikationen zu denken sind. Die Inszenierung des vergleichsweise zurückhaltend gestalteten Bettes geschieht in traditioneller Form durch einen Betthimmel, dessen schwere, mit Fransen gesäumte blaue Bettvorhänge seitlich ausfächern und von angestellten Pfosten mittels einer unsichtbaren Wandarretierung getragen werden. Über einem kurzen, ebenfalls mit Fransen gesäumten Überhang, der die Ansätze der Bettvorhänge überdeckt, bekrönt ein Ring aus Straußenfedern den Betthimmel "à la couronne". Derartige Aigrettenbüsche, die herkömmlicherweise Paradebetten kennzeichnen, waren auch Bestandteil des Bettentwurfs von Jussow, den dieser für das Schlafzimmer im Erdgeschoß des Weißensteinflügels (GS 6119) entwickelt hatte. Auch hier hatte sich das Bett in einem Alkoven befunden, der von einer rahmenden Säulenstellung (Dittscheid 1987, S. 97) eingefaßt wurde. Ein bewußter Rückgriff auf dieses Motiv ist folglich zu vermuten.
Die Alkovennische in dem hier vorliegenden Entwurf ist mit einer blau gestreiften Wandbespannung ausgekleidet, die oberhalb von einem drapierten Querbehang mit abgehängten Trophäen umzogen wird. Auch die Füllungen der doppelflügeligen Türen sind mit reichhaltigen Ornamenten in Trophäen-, Maskaron- und Palmettendekor besetzt. Rechts vor dem Bett steht ein Armlehnsessel "en gondole" mit blau bezogener Rückenlehne und ausgestellten Hinterbeinen, dessen Armlehnstützen in Form geflügelter Löwen gearbeitet sind.
Der Trophäendekor des Alkovens ermöglicht die Zuordnung des Entwurfs zum südlichen Schlafzimmer, dessen Wände noch von Holtmeyer mit derartigem Schmuck beschrieben worden sind: […] der südliche Rondellraum, dessen Wände und Türen […] teils gemalte, teils holzgeschnittene Ornamente tragen, Schwerter und Lanzen, Liktorenbeile, Feldzeichen und Adler […]" (Holtmeyer 1910, S. 326; s. auch die Bestandsliste von Bromeis, StAM Best. 7b 1, Nr. 347, 1817-1842: "[…] Die Wände dieses Zimmers, welche mit Boiserien bekleidet und mit Trophäen von Bildhauerarbeit verziert sind […]"; frdl. Mitteilung von Henriette Graf, München). Demzufolge ist eine der Entwurfszeichnung entsprechende Wandgestaltung tatsächlich umgesetzt worden.
Auch ein dargestelltes Möbel läßt sich identifizieren. Vier der Armlehnsessel "en gondole" mit den charakteristischen Armlehnstützen (vorbildhaft hierfür könnte ein Möbel im Journal "Meubles et objets de gôut" 1796-1830, Bd. 2, Pl. 33, 1. Reihe, 2. Objekt gewesen sein), die ab 1823 im südlichen Schlafzimmer der Beletage des Corps de Logis standen (s. B. Linnemann, Inventarisierungsakten VSG) sind noch im Bestand vorhanden (allerdings mit einem nicht zeitgemäßen violettfarbenen Samt bezogen, frdl. Hinweis von Henriette Graf, München), wobei zwei Sessel heute Teil der Präsentation im sog. Kurprinzenzimmer des Weißensteinflügels (Raum 112; mhk, VSG 2.1.2425 - VSG 2.1.2426) sind. Nach einem Entwurf von Johann Conrad Bromeis, auf den auch der vorliegende Dekorationsentwurf zurückgehen wird, sind die Möbel von dem Kasseler Schreinermeister Justus Siebrecht unter Mitarbeit von Johann Christian Ruhl, von dem das Schnitzwerk stammt, angefertigt worden. Zu der Sitzgruppe gehören zwei Ruhesofas (mhk, VSG 2.1.2423, VSG 2.1.2424, heute ebenfalls im Kurprinzenzimmer des Weißensteinflügels), die auf den linken, als Pfeiler gestalteten Seitenlehnen vergoldete Helme mit Federbüschen zeigen. Dabei deutet ihre leicht gerundete Rückenlehne auf die ursprüngliche Aufstellung in einer Apsis hin. Weiterhin gehörten zwei Ofenschirme zum Mobiliar des südlichen Schlafzimmers der Beletage (einer befindet sich heute ebenfalls im Kurprinzenzimmer des Weißensteinflügels, mhk, VSG 2.7.569). Die Seitenkonstruktion in Form von Rutenbündeln steht in Bezug zu dem 'militärischen' Dekor des gesamten Raumes.
Dagegen ist das zentrale Möbel des Raumes, das Kastenbett mit den S-förmigen Kopf- und Fußteilen und den charakteristischen Füllhorn-Applikationen, wohl nicht hergestellt worden (ein vergleichbares Möbel befand sich ehemals im Schlafzimmer des Weißen Palais, s. Bidlingmaier 2000, S. 133f. m. Abb.; bei Holtmeyer 1910, Taf. 157 fälschlich dem Schloß Wilhelmshöhe zugeordnet; es ist heute Teil des Depotbestands, mhk, VSG 2.7.50). Statt dessen wurde ein Bett mit niedriger Sockelzone und vier als Säulen gestalteten Pfosten ausgeführt, das sich heute im Schlafzimmer des Corps de Logis (Raum 13) befindet (VSG 2.7.604; StAM Best. 7b 1, Nr. 34, 1817-1842, Schreinermeister Krug am 20.12.1823: "Ferner Schlafzimmer No 4 nach Süden: 17 Daselbst eine Mahagoni Bettstelle von dem ausserlessenen [sic] Blumen Holze gemacht mit 4 Säulen nach Zeichnung […]"; frdl. Mitteilung von Henriette Graf, München).
Das vorliegende Blatt ist der einzige von Müller ausgeführte Innenraumentwurf zu Schloß Wilhelmshöhe. Seine anderen Zeichnungen betreffen Bauaufnahmen des Schlosses (GS 18397, GS 18398, GS 18399, GS 18400, GS 18401). Die Entwürfe zur Innenarchitektur sind im allgemeinen von Julius Eugen Ruhl angefertigt worden. Müller war jedoch nicht ganz unerfahren in der Gestaltung von Innenräumen, nachdem er im Jahr 1820 mit der Einrichtung des Palais Hessenstein beauftragt worden war. Sein Entwurf eines Prunkbetts (GS 15996) zeigt deutliche Parallelen zu der hier vorliegenden später entstandenen Zeichnung.
Bei der Datierung, die in der rechten unteren Ecke zu finden ist, muß es sich wohl um ein Versehen handeln, da Müller erst im November 1822 in die Position eines Hofbaukondukteurs in Wilhelmshöhe aufgerückt und gemäß seinen Lebenserinnerungen im darauffolgenden Jahr mit der "Rennovation der Prunksäle des Schlosses" beauftragt worden war (Müller 1903, S. 25).
Stand: August 2007 [MH]


Literatur:
Hübner 1927, S. 42, Abb. 25


Letzte Aktualisierung: 09.04.2015


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