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3.101.1.1 - Riede, Gut des Landrats von Meysenbug, Entwurf zu einem Parkgebäude, Aufriß



3.101.1.1 - Riede, Gut des Landrats von Meysenbug, Entwurf zu einem Parkgebäude, Aufriß


Inventar Nr.: GS 6041
Bezeichnung: Riede, Gut des Landrats von Meysenbug, Entwurf zu einem Parkgebäude, Aufriß
Künstler: Heinrich Christoph Jussow (1754 - 1825), Architekt
Datierung: 1798
Geogr. Bezug: Riede
Technik: Graphit, Feder in Braun, braun laviert
Träger: Papier
Wasserzeichen: keine Angabe
Maße: 33,6 x 25,3 cm (Blattmaß)
Maßstab: bezifferter Maßstab mit Maßeinheit "Fuß"
Beschriftungen: oben rechts: "Skizze zu einem kleinen Gebäude, in der Gestalt einer alten Kapelle, welches an einer Waldecke auf dem Guthe des Landrath von Meysenbugk zu Riede im Jahre 1898 [geändert in: "1798"] ausgeführt wurde" (Feder in Braun)
unten rechts: "Brüstung 31/2 Fuß" (Graphit)


Katalogtext:
Der Entwurf zeigt eine neogotische Kapelle, die 1798 als Parkgebäude in dem frühromantisch-sentimentalen Landschaftsgarten des Heinrich von Meysenbug (1741-1810) in Riede, einem kleinen Ort südwestlich von Kassel, errichtet wurde. Der Rieder Park, im wesentlichen angelegt zwischen 1770 und 1800, zeichnete sich durch eine Vielzahl von Parkgebäuden, Denkmälern sowie eine aufwendige Vegetationsstruktur aus. Wesentliche Elemente dieser Anlage haben sich bis heute erhalten (ausführliche Beschreibung und Bewertung der Anlage in: Schulz 1998). Die Gestaltung des Parks und seine ikonographische Bedeutung, die sich vor allem auf die Themen Freundschaft und Tod bezog, wurden von zwei überregional bedeutsamen Persönlichkeiten geprägt: Zum einen handelt es sich um den Zeichner und Architekten Johann Heinrich Müntz (1727-1798; s. Lebende Künstler 1795, S. 206), der, eng mit Heinrich von Meysenbug befreundet, nach seinem Tod im Rieder Park durch ein Denkmal von Johann Christian Ruhl verewigt wurde, zum anderen um Christian Cay Lorenz Hirschfeld, der sehr wahrscheinlich 1783 Riede besuchte (Kehn 1992, S. 170) und zumindest durch seine Publikationen die Anlage nachhaltig beeinflußt hat.
Nach Vogel (Katalog Kassel 1958, S. 43) gilt der Entwurf Jussows der Eremitage des Parks, die vermutlich in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. Vogel hat dabei übersehen, daß auch heute noch ein Kapellengebäude in Riede steht, das dem im Entwurf vorgestellten ähnelt, allerdings in späteren Jahren stark umgebaut wurde.
Nach der Zeichnung zu urteilten, war der ursprüngliche Bau mit Werksteinen für die Gebäudekanten bzw. die Türeinfassungen und einem Wechselmauerwerk aus Bruchsteinen für die Wandflächen sehr schmucklos geplant. Vom Entwurf aus praktischen Erwägungen abweichend, wurden vermutlich schon 1798 die heute noch vorhandenen polymorphen Basaltsteine für die Wandflächen verwendet.
Als äußerer Schmuck waren lediglich fialenartige Türmchen, die den Glockenturm flankieren, sowie unterhalb des Daches ein umlaufender Fries mit Kleeblattformen vorgesehen. Diese Schlichtheit entspricht den Empfehlungen für Kapellenbauten in Parkanlagen in der "Theorie der Gartenkunst" von Hirschfeld, wo gleichzeitig eine sinnfällige Nutzung dieses Gebäudetyps propagiert wird: "Diese Werke scheinen fast zu wichtig, um blos Werke zur Nachahmung zu seyn; so wie man in einigen brittischen Parks gothische Kirchen errichtet hat, die zu viel Kosten erforderten, als daß man sie blos als überflüßige Denkmäler einer überlebten Baukunst wieder hätte aufstellen sollen.
Es gibt Gegenden, die sowohl durch ihre Abgelegenheit und Stille, als auch durch Dunkelheit ihrer Lage zwischen Bergen und Felsen, und durch den erhabenen Charakter ihrer Bäume die Seele auf eine ernsthafte und feyerliche Art rühren. Man findet sie in der Natur, und man kann sie durch Lage und Baumwerk nachbilden. In solchen Revieren übergibt sich der Geist gerne den Betrachtungen über seine Bestimmung, über die Zukunft und über das höchste Gut, Betrachtungen, die ihn desto stärker rühren, je mehr sie von der Scene unterstützt und vor aller Zerstreuung verwahrt werden. Eine Capelle ist Betrachtungen dieser Art sehr zustimmend. Schon ihr bloßer Anblick erweckt eine heilige Ehrfurcht, und ihre Einrichtung muß diese Bewegung unterhalten.
Ein solches Gebäude ist dem Gebete, der einsamen Betrachtung, den rührenden Empfindungen über das Wesen und die Absichten der Gottheit und über die erhabenste Bestimmung des Menschen gewidmet. Man tritt hinein, um seinem Gott näher zu seyn, um aus der Fülle aller empfundenen Reize seiner Schöpfung sich nun zu ihm selbst zu erheben, zu dem geistigen Anschauen seiner unwandelbaren Schönheit und Güte.
Der Charakter einer Capelle muß aus hoher Einfalt und stiller Würde bestehen. Alle Pracht, alle Ueppigkeit der Verzierung muß hier entfernt seyn. Ein hohes Gewölbe mit wenigen allegorischen Bildern, ein Altar mit einem Gemälde, das die Anbetung unterstützt, an der Wand eine Inschrift, welche die Heiligkeit des Ortes empfinden lehrt, eine gemäßigte Erleuchtung des ganzen innern Bezirks, simples und ehrwürdiges äußeres Ansehen, eine schattenreiche Lage, umschlossen von emporsteigenden Bäumen, dies alles scheint einer Capelle am meisten angemessen" (Hirschfeld 1779-1785, Bd. III, S. 108f.).
Durch ihre massive Bauweise und eine interessante Innenausstattung kam der Kapelle in Riede im Vergleich zu den anderen Parkgebäuden eine besondere Bedeutung zu, die sich in verschiedenen Veröffentlichungen widerspiegelt. In einem Artikel von 1807 (Tiedemann's Denkmal 1807, S. 316f.), noch zu Lebzeiten von Meysenbug und Jussow verfaßt, wird sie wie folgt beschrieben: "Auf einer romantisch gelegenen Anhöhe, deren hintere Seite der schattige Wald bekränzt, und deren vordere Seite den freien Anblick einer weit ausgebreiteten Landschaft gewähret, erblickt man eine, im sogenannten gothischen Stile ausgeführte viereckige Kapelle, mit einem kleinen Thurme. Die dunklen Steine und die ganze Form dieser Kapelle geben ihr ein völlig antikes Ansehen. Hinter einem kleinen eisernen Gitter an der Ostseite derselben, steht das bronzierte Bild des heiligen Rochus, mit seinem Hunde; - eine Arbeit des berühmten Hofbildhauers Ruhl zu Kassel. Man zieht an einer Schelle, und sogleich eröffnet sich die Hauptpforte. Sowohl hier, als an den beiden Seitenwänden sind doppelte Thüren angebracht. Die drei inneren Thüren vertreten zugleich die Stelle der Fenster, indem sie zur Hälfte aus alten bemalten, aus Klöstern, Kirchen u.s.w. zusammen gebrachten und mosaisch aneinander gefügten Glase bestehen. Biblische Geschichten, Heiligenbilder und altadeliche Wappen wechseln in bunten Gemische auf diesen Fenstermalereien ab. Dem Haupteingange auf der östlichen Seite gegenüber, fällt ein Altar mit altem gewirkten Teppich überdeckt, in's Auge.
Zu beiden Seiten dieses beweglichen Altars stehen zwei bronzefarbenen Kariatiden, zu Leuchtern bestimmt, und über dem Altar an der Hinterwand der Kapelle, erblickt man Tiedemanns Büste im Profil von weißem Marmor, en bas relief gearbeitet. [...] Oben an der Decke der Kapelle ist ein herrliches Gemälde, von Hrn. A. Nahls Meisterhand verfertigt, angebracht."
Neben diesen in erster Linie dekorativen Elementen "stand in der Mitte des Raumes ein Tisch, umgeben von altertümlichen Möbeln in dunkel Eiche" (Jacob 1925, o. S.), wodurch eine mögliche Nutzung des Gebäudes angedeutet wird. Sie erklärt sich aus der Person des Prof. Tiedemann, der in der Kapelle durch das Relief geehrt wurde. Nach verschiedenen Hinweisen stand er Gold- und Rosenkreuzlerkreisen vor, die in vielen Anlagen des ausgehenden 18. Jahrhunderts Parkbauten für die Sitzungen ihrer Geheimgesellschaften nutzten (Hartmann 1981, S. 366-370). Da Heinrich von Meysenbug ebenfalls spiritistische Neigungen nachgesagt wurden und auch verschiedene andere Elemente des Parks eine Symbolik besitzen, die auf die Rosenkreuzer verweist, ist eine entsprechende Nutzung der Kapelle sehr wahrscheinlich. Dieser Funktion entsprechend wird die Kapelle denn auch in einem Plan von 1828 (StAM P II 8603 "Specialkarte vom Forstrevier Lohne und Riede in der Oberförsterei Gudensberg", gez. H. Rothamel, von 1828) als Tempel bezeichnet.
Erste Zerstörungen der Meysenbugschen Kapelle sind für das Jahr 1848 bezeugt. Ein silbernes Glöckchen wurde durch aufständische Bauern aus dem Glockenturm gestohlen. 1883 wurden dann große Teile der Innenausstattung für eine Kunstgewerbeausstellung nach Kassel gebracht, kehrten aber nicht wieder zurück (Jacob 1925, o. S.). In der folgenden Zeit zerfiel die Kapelle immer mehr. Durch die Umwidmung und den dazu notwendigen Umbau des Gebäudes im Jahr 1928 zu einer Grablege der Familie von Buttlar, die seit 1810 in Besitz von Riede ist, wurde sie entscheidend verändert (Pläne zu den Umbauten: StAM P II 237 1/2 "Plan von der Wiederherstellung einer Familiengruft für Herrn Adolf Freiherrn von Buttlar am Waldrand südlich von Riede", 2 Lichtpausen, 1928).
Die Kapelle erhielt im Zuge der Umbaumaßnahme ein einfaches Satteldach anstelle des pyramidenförmigen Zeltdachs und die Form des Glockenturmes wurde vereinfacht. Die beiden Seitentüren des Gebäudes sind zwar zu Fenstern umgebaut worden, durch die erhaltenen Werksteineinfassungen ist die ursprüngliche Gestaltung der Türen aber noch deutlich ablesbar.
Trotz der Umnutzung und des teilweisen Umbaus vermittelt die Kapelle zusammen mit den anderen erhaltenen Parkelementen noch einiges vom Genius loci der Meysenbugschen Anlage.

Text übernommen aus Katalog Kassel 1999/CD-Rom [HS]


Literatur:
Katalog Kassel 1958, S. 43, Nr. 113 (mit Abb.); Katalog Kassel 1999/CD-Rom; Katalog Kassel 1999/1, S. 254, Kat.Nr. 108


Letzte Aktualisierung: 09.04.2015


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