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1.1.2.3 - Kassel, Bestandsaufnahme und Entwurf zum Stadterweiterungsprojekt



1.1.2.3 - Kassel, Bestandsaufnahme und Entwurf zum Stadterweiterungsprojekt


Inventar Nr.: L GS 12590
Bezeichnung: Kassel, Bestandsaufnahme und Entwurf zum Stadterweiterungsprojekt
Künstler: unbekannt
Datierung: um 1811
Geogr. Bezug: Kassel
Technik: Graphit, Feder in Schwarz, grau, rot, rosa, blau, grün, gelb, braun und violett laviert
Träger: Papier
Wasserzeichen: nicht ermittelbar
Maße: 70,2 x 83,6 cm (Blattmaß)
Maßstab: unbezifferter Maßstab mit Maßeinheit "pieds"
Beschriftungen: oben mittig: "Plan de la Ville de Cassel et des Augmentations projetées." (Feder in Schwarz)
in der Darstellung: Benennung der Gebäude und Örtlichkeiten (Feder in Schwarz)
verso: "II C 6" (Graphit)


Katalogtext:
Der großformatige "Plan de la Ville de Cassel et des Augmentations projetées" verbindet eine Bestandsaufnahme der Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Westphalen mit der Darstellung eines großangelegten Erweiterungsprojekts in nordwestlicher Richtung. Die Stadt wäre dadurch um etwa das Doppelte vergrößert worden. Durch ein großzügig dimensioniertes Straßenraster aus sich rechtwinklig schneidenden Straßen entsteht eine Vielzahl von Baublöcken unterschiedlicher Größe mit ausgesparten Plätzen. Dieses zeittypische Grundraster ist ohne Berücksichtigung der schwierigen Topographie mit Steigungen und Geländeeinschnitten konzipiert; gleichwohl besitzt das Vorhaben durchaus realisierbare Dimensionen. Dafür spricht auch die Art, wie vielfältig und bedacht an die bestehenden Stadtstrukturen angeknüpft wird, um diese mit dem neuen Teil in praktikabler Form zu verbinden. So wird vor allem das regelmäßige Grundrißschema der Oberneustadt aufgenommen, deren Straßen zu beachtlicher Länge fortgeführt werden. Weiterhin werden die drei diagonal zum Rechteckraster der Oberneustadt verlaufenden Straßen, die Wilhelmshöher Allee, das Königstor und die vom Königsplatz ausgehende Kölnische Straße, mit dem neuen Stadtteil verknüpft und, in teilweise verbreiterter Form, in das Planungsschema integriert.
Der neue Stadtteil sollte von breiten baumbestandenen Boulevards mit einer Anzahl von halbkreisförmigen Plätzen umgeben und begrenzt werden.
Als dominanter städtebaulicher Schwerpunkt war ein rechteckiger Platz in der Achse des Friedrichsplatzes geplant, die "Place Jérôme". In seiner Mitte war offenbar die Aufstellung eines Denkmals für König Jérôme vorgesehen. Durch die hier einmündenden großen Diagonalstraßen sowie die breite Allee der "Rue Jerome", der Hauptachse des neuen Stadtquartiers, wird die Bedeutung des Platzes hervorgehoben.
Gleichsam das Rückgrat des neuen Stadtteils bildend, sind im Verlauf der Allee die architektonisch und programmatisch wichtigsten Neubauten versammelt: eine katholische Kirche und ein Akademiegebäude auf der einen, ein Bau für Rathaus und Gerichte sowie ein Marktgebäude auf der anderen Seite. Die Auswahl und städtebauliche Heraushebung dieser vier markanten Großbauten - für die Religion, die Wissenschaften, die Verwaltung und Justiz sowie die Versorgung der Bevölkerung -, die jeweils die Fläche eines Baublocks umfassen, entsprechen in dieser Kombination dem in Paris praktizierten Stadtentwicklungskonzept Napoleons, in dem neben der imperialen Repräsentation durch Denkmäler oder Prachtbauten auch den Nützlichkeitserfordernissen der öffentlichen Einrichtungen, des Verkehrs, des Handels oder des Militärs große Bedeutung zugemessen war.
Auch in der westphälischen Hauptstadt sollten für die hier garnisonierten Truppen und verschiedene militärische Institutionen an mehreren Stellen vorhandene Kasernengebäude erweitert oder Neubauten errichtet werden.
Die "Ecole royale d'artillerie et du génie" in der Unteren Königsstraße sowie die große " Stadtkaserne" - so genannt wegen der vor allem von der Kommune zu tragenden Kosten - am künftigen westlichen Stadtrand gehören zu den wenigen während der Zeit des Königreichs Westphalen verwirklichten Bauten (zur Artillerieschule vgl. Garküche 1814, S. 27; Holtmeyer 1923, S. 515f.; zur Kaserne ebd., S. 495-502, u. Eisentraut 1916).
Als einen weiteren architektonischen Schwerpunkt in einer städtebaulich sehr dominanten Lage präsentiert der Erweiterungsplan das Projekt für ein neues Residenzschloß am südwestlichen Rand der Stadt auf dem Weinberg. Der Palast, dem der Wilhelmshöher bzw. Napoleonshöher Platz vorgelagert gewesen wäre, hätte den Endpunkt der bestehenden Hauptachse der Stadt, der Königsstraße, gebildet. Diese sollte in ihrer Wirkung durch eine geradlinige Fortführung an der Martinskirche vorbei und über die Stadtgrenze hinaus gesteigert werden. Dieser projektierte, aber nie verwirklichte Straßendurchbruch stellte neben einigen geplanten Begradigungen von Baufluchten im Bereich des Altmarkts und des Kornmarkts sowie der Schaffung einer "Place de la Douane" zur Aufwertung des Stadtzugangs an der Fuldabrücke bezeichnenderweise die einzige städtebauliche Auseinandersetzung mit der als baulich vollkommen unzureichend empfundenen Altstadt dar.
In dem Plan sind die höfischen und viele öffentliche Gebäude durch rote, die Militärbauten durch graue Lavierung hervorgehoben und meist durch Beschriftung in ihrer Funktion kenntlich gemacht. Verschiedene nachträglich eingetragene Ergänzungen und Korrekturen im Bereich rechts neben der Garde-du-Corps-Kaserne oder der nur angedeutete Durchbruch der Königsstraße lassen auf noch bestehende Planungsunsicherheiten schließen. Möglicherweise waren diese geklärt, als Eberhard eine offenbar sorgfältiger ausgeführte Version des Stadtplans zeichnete (Holtmeyer 1923, S. 56, Taf. 17,1, der L GS 12590 als "Nachbildung des Stadtplans von Eberhard" ansieht; ebd., S. XXX).
Der noch in die Zeit vor dem Schloßbrand von 1811 zu datierende Erweiterungsplan kam nicht zur Ausführung, wirkte aber doch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein, wie der 1833 von Hofbaudirektor Julius Eugen Ruhl konzipierte Entwurf mit entsprechend geführten Straßen, einem zentralen Rechteckplatz und den umlaufenden Boulevards zeigt (vgl. L GS 12576; Holtmeyer 1923, S. XXXI, 59f. u. Taf. 17,2).
Stand: August 2007 [GF]


Literatur:
Heppe 1995, S. 292, Abb. 151; Fenner 2006, S. 362-365, Abb. 7


Letzte Aktualisierung: 08.09.2017


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